
Die Herausgeber des Bandes, beide im Thema ausgewiesen mit einschlägigen Publikationen zu Gewerkschaften und migrantischen Kämpfen (Goeke) sowie Gelingende und misslingende Solidarisierungen (Tekin u. a.). Sie wollen «die historischen Entwicklungen institutioneller Strukturen und die Strategien von migrantischen Selbstorganisationen in ihrer Interaktion mit der westdeutschen Gesellschaft» thematisieren (S. 7). Die Publikation enthält nach einem Vorwort zehn Aufsätze, von denen acht Westdeutschland als geographischen Fokus haben, ein weiterer Belgien und einer die Überlieferungssituation zu migrantischer Selbstorganisation in Ostdeutschland nach 1989. Die Aufsätze resultieren aus einem Workshop am Institut für soziale Bewegungen in Bochum im September 2022.
Die Beiträge zeigen auf, wie sich Selbstorganisationen von Migrant*innen Gehör für ihre Anliegen verschafften. Gewerkschaften, aber auch kirchliche oder gewerkschaftsnahe Wohlfahrtsverbände waren dabei Ansprechpartner*innen und zusehends auch Verbündete. In etlichen sozialen und kulturellen Aktivitäten, die auch immer politische Aspekte einschlossen, fanden diese jedoch unabhängig oder gar in Abgrenzung zu Gewerkschaften statt.
Arbeitsmigrant*innen hatten sich seit den 1950er-Jahren in den Gewerkschaften organisiert, an Streiks beteiligt, und konnten seit der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes 1972 auch in Betriebsräte gewählt werden. Sich aber weitergehend innerhalb der Gewerkschaften durchzusetzen, war ein langer Weg. Migrantische Netzwerke engagierten sich jedoch vermehrt, unter anderem bedingt durch den Familiennachzug, ab Anfang der 1970er-Jahre auch abseits des Arbeitsplatzes. Simon Goeke stellt die Praktiken vor allem der operaistisch inspirierten (Betriebs-)Gruppen im Kontext des Internationalismus und des Betriebskampfes der neuen Linken der 1970er-Jahre vor.
Wolfgang Jäger, ehemaliger Geschäftsführer der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung beschreibt in seinem Beitrag, wie sich in der Politik der IG Bergbau und der IG Chemie-Papier-Keramik immer mehr Solidarität mit Arbeitsmigrant*innen durchsetzte. Diesbezüglich berichtet Nihat Öztürk kenntnisreich über Beschlussfassung und Themensetzung in der IG Metall. So sei innerhalb der Gewerkschaften und insbesondere innerhalb der IG Metall, die gewerkschaftliche Agenda immer auch stark vom «Kampf gegen den zunehmenden Rassismus in der deutschen Gesellschaft» geprägt gewesen. Damals wurden Arbeitsmigrant*innen als «ausländische Arbeitnehmer» bezeichnet. Lisa Riedner thematisiert den wichtigen Streik für die 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie 1984, der zusammen mit Arbeitsmigrant*innen durchgeführt wurde. Einen ganz anderen Fokus verfolgt Caner Tekin in seinem Beitrag: Dieser widmet sich konservativen migrantischen Vereinen und diskutiert so auch die Streitfrage der religiösen Betreuung migrantischer Arbeitskräfte.
Elisabeth Kimmerle untersucht auf der Basis ihrer Dissertation die Entstehung türkischer Frauenvereine in West-Berlin und Westdeutschland als politische Räume lokaler Selbstorganisation und transnationaler Mobilisierung. West-Berlin ist auch der Fokus von Stefan Zeppenfeld. Er widmet sich, ebenfalls auf Basis seiner Dissertation, lokalen Kämpfen von Migrant*innen in den Bereichen Wohnen, Gesundheit und Antidiskriminierung.
Die Forschung zu «migrantischer Selbstorganisation» in der ehemaligen DDR, nach deren Ende, ist noch in den Anfängen. Darauf weisen Tom Drechsel, Carsta Langer und Nick Wetschel in ihrem Beitrag hin. Sie bieten einen Überblick auf die vorliegende Historiographie zur ostdeutschen Migrationsgeschichte, und heben stark die schlecht dokumentierte Überlieferungserzählung hervor. Die Sicherung und Dokumentation relevanter Quellen und Wissensbestände, auch durch Interviews, sei eine vordringliche Aufgabe, gerade im Hinblick auf den Erhalt der gesamtgesellschaftlichen Überlieferung.
Der Band dokumentiert in seinen allesamt sehr lesenswerten Beiträgen die Vielseitigkeit dieses Forschungsfeldes und die Dringlichkeit, es weiter zu bearbeiten. Vielleicht gelingt es dann auch, die Begrifflichkeiten, etwa Selbstorganisation, durch konkrete Studien zu schärfen. Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeit und das Interesse an den Dynamiken und Konflikten zwischen Einwanderung, Rassismus, Klasse, Gewerkschaften und Erinnerung weitergehen wird.
Simon Goeke, Caner Tekin (Hg.): Migration, soziale Bewegungen und Selbstorganisation. Gewerkschaftliche und urbane Kämpfe von und für Migrant*innen seit den 1960er Jahren; Böhlau Verlag, Köln 2025, 259 Seiten, 49 Euro

