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Der Brauweiler Kreis, ein Zusammenschluss zur westfälischen Landesgeschichte, veranstaltete Anfang März 2025 eine kleine Tagung zur Geschichtsbewegung in Nordrhein-Westfalen (1). Sie fragte nach AkteurInnen, Motiven, Formen und Folgen dieser «Geschichte von unten». Sehr zügig liegt nun mit der Themenausgabe von «Geschichte im Westen» (der Zeitschrift des Kreises) die Dokumentation dazu vor. Sie enthält zum Schwerpunkt fünf Beiträge und, neben vier weiteren jenseits des Schwerpunktthemas, einen sehr interessanten über die ersten 15 Jahre des 1978 gegründeten «Brauweiler Kreises».
Alfons Kenkmann (*1957), einer der beiden Initiatoren der Tagung, blickt zurück auf den Zustand der (bundesdeutschen) Geschichtswissenschaft der 1970er Jahre. Diese sei erstaunlich konservativ, gelähmt und unflexibel gewesen. Sein Beitrag ist ein Ausflug in eine heute eher unwirklich erscheinende Fachwelt, in der der Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte bereits ab Mitte der 1970er Jahre eine Innovation in Richtung Erfahrungs- und auch Alltagsgeschichte bewirkte.
Sehr spannend ist der Beitrag von Ulrike Löffler (*1990) zur Arbeit an Gedenkstätten in NRW (2). Sie zeigt die mühsamen und erstrittenen Gründungsprozesse dieser (eher wenigen) Orte und die drei Zugänge zur dort begonnenen Bildungsarbeit: den eines links konnotierten Antifaschismus, die eher christlich motivierte «Versöhnung» und das Motiv einer «Stärkung der Demokratie» durch «staatsbürgerliche Bildung». Von einer Gedenkstättenlandschaft kann zu dieser Phase mangels Masse jedenfalls nicht gesprochen werden. Löffler kann auch zeigen, wie erst ab 1980 überhaupt an verschiedenen Gedenkstätten (vermutlich durch bezahlte Stellen) eine «öffentlich zugängliche Bildungsarbeit (...) erfolgreich etabliert» werden konnte.
Thomas Finkemeier (*1960) berichtet davon, dass die neue Geschichtsbewegung in Nordrhein-Westfalen (NRW) nicht Teil der Arbeiterbewegung, sondern eher die Erwachsenenbildung, etwa über Volkshochschulen einer ihrer Motoren gewesen sei (3). Letztlich, so seine überraschende These sei die Geschichtsbewegung in NRW eher schwach gewesen, zumal die Geschichte von unten-Bewegung relativ schnell vom Narrativ der Industriekultur abgelöst worden und damit auch teilweise institutionalisiert (und entschärft) worden sei.
Bettina Joergens vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg berichtet über Archive sozialer Bewegungen, von denen es nach ihrer Zählung 18 in Nordrhein-Westfalen gibt. Ihr Beitrag über diesen Seitenstrang der «demokratischen Zivilgesellschaft» gibt einen guten Überblick, nennt auch einige Literatur, es ist ihm aber deutlich anzumerken, dass sie letztlich zum einen «von außen» darauf blickt und zweitens die staatliche Archivlandschaft und die «Archive von unten» in zwei unterschiedlichen Logiken agieren.
Sabine Kittel (*1960) und Bärbel Sunderbrink (*1966) berichten am Beispiel von Gelsenkirchen und der eher ländlichen Region Lippe/Detmold detailliert über die Geschichtsinitiativen von Frauen in den 1980er Jahren.
Diese Ausgabe ist rundum lesenswert; sie bietet ein Panorama dieser bunten «neuen Geschichtsbewegung» und ihrer vielfältigen Aspekte. Sie nimmt die Leserin und den Leser mit in die Periode «nach dem Boom», die von einem Geschichtsboom geprägt sein sollte. Dieser war auch Ausdruck davon, dass die Vorstellung einer Zukunft als Ergebnis von Fortschrtitt (durch Modernisierung, Wachstum, Utopie oder gar Revolution) von der einer stärkeren Hinwendung zur Vergangenheit abgelöst wurde.
Ein vollständiges Bild, das zeigt zumindest die zitierte Literatur, liefert das Heft jedoch nicht, kann es auch nicht.
Neue Geschichtsbewegungen in Nordrhein-Westfalen; Geschichte im Westen. Zeitschrift für Landes- und Zeitgeschichte, Band 40 (2025); Klartext Verlag, Essen 2025, 248 Seiten, 25 Euro, ISSN 0930-3286
(1) Tagungsbericht: «Geschichte von unten» - Neue Geschichtsbewegungen in Nordrhein-Westfalen (1970-1985), Zugriff 13.4.2026.
(2) Vgl. Ulrike Löffler: Überfrachtete Lernorte. Zur Pädagogik westdeutscher Gedenkstätten bis 1990 (Buchenwald und Mittelbau-Dora - Forschungen und Reflexionen; Bd. 9), Göttingen 2026, open access.
(3) Vgl. seine Dissertation Thomas Finkemeier: Heimat und die Zeche. Zivilgesellschaftliche Geschichtsgruppen und die industriekulturelle Identitätskonstruktion des Ruhrgebiets im Strukturwandel; Dissertation Uni Düsseldorf, https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=69648, Zugriff 13.4.2026.
