Publikation Migration / Flucht - Europa / EU - Rassismus / Neonazismus Verfolger und Verfolgte

Antiziganismus in Ungarn

Information

Reihe

Buch/ Broschur

Erschienen

März 2015

von Magdalena Marsovszky

Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen

Leipzig 2015

56 Seiten.

Itt olvashatják a „Kirekesztök és kirekesztettek. Anticiganizmus Magyarországon“ cimü könyvet magyarul: > (Hier können Sie das Buch "Verfolger und Verfolgte. Antiziganismus in Ungarn" auf Ungarisch lesen)

Zum Inhalt:

In Großstädten Europas tauchen bettelnde obdachlose Gruppen auf, die offensichtlich aus einem südosteuropäischen Staat kommen. Bei diesem Anblick sprechen viele von schnelle von "Wirtschaftsflüchtlingen". Doch wenn das so ist, wie mag es diesen Menschen in ihrem Herkunftsland ergangen sein? Unter welchen Umständen haben sie gelebt, dass ihnen das Dasein auf der Straße in Wien, München oder Berlin erträglicher ist als Leben zu Hause in den eigenen vier Wänden? Diesen Fragen ist die Autorin nachgegangen. Sie konzentriert sich auf die antiziganistischen Denkstrukturen und auf deren immer dramatischere Auswirkungen.

Kostenbeitrag: 4,50 € (für Mitglieder 3,50 €)

Bemerkung zur Arbeit von Magdalena Marsovszky von György Dalos: 

Minderheiten, Mehrheiten und Demokratie

Das von der deutschungarischen Kulturhistorikerin Magdalena Marsovszky gewählte und präzise ausgearbeitete Thema des "Antiziganismus" gehört zu den schmerzhaftesten und widersprüchlichsten des heutigen ungarischen Lebens. Ressentiments, Ablehnung und indirekte Diskriminierung gegenüber der auf 500 Tausend geschätzten Roma existierten bereits vor 1989, aber eine besondere Schärfe erhielten sie erst nach der Wende. Diese brachte nämlich nicht nur eine freie Öffentlichkeit und demokratische Institutionen zustande, sondern führte auch zu einer für die Mehrheit der Bevölkerung auswirkende soziale Desintegration. Dabei betrafen die Folgen des Zusammenbruchs der alten Strukturen die Minderheit im erhöhten Maß. Noch fataler erwies sich für die Roma die Tatsache, dass die Parteikämpfe, die sich um Ministersessel, Medienmacht und Privatisierungsgelder drehten, in Ungarn bereits in den neunziger Jahren statt einer politischen eine Hasskultur entstehen ließen. Allmählich kamen die Gespenster der Vorkriegszeit aus ihren Nischen und füllten die Rhetorik des öffentlichen Diskurses mit scheinbar vergessenen antisemitischen, chauvinistischen und europafeindlichen Inhalten. Diese Situation, die der jetzige Parlamentspräsident László Kövér seinerzeit offen als "kalten Bürgerkrieg" bezeichnete, erwies sich im Alltag der Roma als direkte körperliche Bedrohung und manifestierte sich in mehreren Mordtaten. Mit dem Erscheinen auf der politischen Landkarte der rechtsextremen Partei "Jobbik", welche nach den neuesten Meinungsforschungen mit zwanzig Prozent der Wählerstimmen rechnen kann, sowie der Aufmärsche der paramilitärischen Einheiten der "Ungarischen Garde", erreichten die Spannungen eine qualitativ neue Stufe. Im Frühjahr 2010 errang der nationalkonservative Fidesz unter der Führung von Viktor Orbán eine Zweidrittelmehrheit im Parlament und deklarierte das "System der Nationalen Zusammenarbeit". Seine neuen Gesetze und radikalen konstitutionellen Änderungen schränkten vor allem den Bewegungsraum demokratischer Einrichtungen, wie den des Verfassungsgerichts, drastisch ein, bauten allmählich eine staatliche Übermacht in den großen Medien auf und erhöhten den finanziellen und administrativen Druck auf kulturelle Institutionen sowie NGO-s. Dieser Innenpolitik entsprach nach außen eine zunehmende Distanz gegenüber der EU und den internationalen Unternehmen, eine Annäherung an das Putinsche Russland, das ökonomisch erfolgreiche China, aber auch an postkommunistische Diktaturen wie Kasachstan und Aserbeidschan. Im Sommer 2014 - nach seinem zweiten Wahlsieg - definierte Orbán in einer Rede sein Regime als "illiberale Demokratie", welchen nebulösen Kunstbegriff er damit auf die Ebene einer neuen Staatsdoktrin erhob. Obwohl die Situation der Roma unter diesen Bedingungen denkbar schlechter, ihre Ausgrenzung, nicht zuletzt aufgrund der Segregation in den Schulen, perfekter wurde, handelt es sich auch in ihrem Fall um etwas mehr als um die bloße Verletzung von rechtlichen und humanitären Normen einer Minderheit. Vielmehr hängt eine Besserung ihrer Lage davon ab, ob sich die ungarische Demokratie gegenüber dem autoritären Nationalismus einer politischen Clique behaupten und von den mehrfachen Niederlagen und inneren Positionskämpfen erholen kann.